Stadtbild Stühlinger

Foto vom Stühlinger Kirchplatz mit Plakat: Das Problem heisst Rassismus

Plakat am Stühlinger Platz, (Foto: rdl.de, Lizenz: CC Attribution, non-Commercial, Share Alike)

Gedanken zum Stadtbild am 29. Oktober von Valeska von Komorowski. Der Stühlinger Kirchplatz an einem Herbsttag

Der Herbstvormittag ist warm und golden. Ich laufe von der Eschholzstraße kommend auf der Stadtbahnbrücke, auf der rechten Seite, bin auf dem Weg zu Gleis 1, zum ICE, es sind Herbstferien.
Alles sieht so schön aus! Es ist einer dieser Herbsttage, „wie ich keinen sah“!
Freiburg liegt wirklich wunderschön, eingebettet von Schwarzwald und Kaiserstuhl und der Stühlinger Kirchplatz von blauer Wiwili-Brücke und Herz-Jesu-Kirche! Mein Blick schweift glücklich umher:
Dort, wo bis auf mittwoch- und samstagvormittags oft Boule gespielt, diskutiert oder gezankt wird, wo täglich Austausch, Geselligkeit, Gegen- und Miteinander stattfindet, ist gerade, weil Mittwoch ist, Markt. Um das Ape-Café stehen und sitzen Leute, trinken Kaffee, unterhalten sich, sitzen auf den hellgrünen Luxembourg-Stühlen, nur ein paar sitzt heute im Gras. Die runde Wiesenfläche strahlt in sattem Grün. Ob dort später wieder Fußball gespielt wird? Erwachsene? Kinder? Mit Mütze oder nacktem Oberkörper, weiß oder schwarz…? Oder ob der Seifenblasen Mensch kommt? Vieles ist immer wieder gleich und es ist immer ein bißchen anders. Wem macht dieses Stadtbild Angst? Ist doch schön!


Links bei den Tischtennisplatten sitzen zwei junge Männer und sprechen vertrauensvoll miteinander – übers letzte Fußballspiel, über ihre aktuellen Crushes, über die Haschpreise, über das Wetter? Sie verstehen sich, sind nicht allein. Wem macht das Angst? Ist doch schön!
Unter der Brücke sind Rufe zu hören, womöglich gibt es Streit oder es wird vor der anrückenden Polizei gewarnt. Stimmt schon, nicht alles ist schön. Doch wem macht das Angst?
Bei den Spielplätzen wird wird sicherlich auch geschrien, gejuchzt, gelacht, geweint. Vor 18, auch noch vor 10 Jahren war ich fast täglich mit meinen Töchtern dort. Wir haben uns immer wohlgefühlt – nicht immer war alles perfekt oder volkommen harmonisch, aber authentisch, bunt, manchmal auch etwas ruppig. Wem macht das Angst? Ist doch normal! Interessant!
Im Moment erinnere ich mich an die offensichtlich heroinsüchtige Mutter, die dort auch oft liebevoll und interessiert Zeit mit ihrem Sohn verbrachte. Wann habe ich sie zuletzt gesehen?
Ich sitze im Zug, habe Zeit und Muße dies alles aufzuschreiben. Während ich meine Eindrücke in Worte fasse, kommt mir die Idee, dass dies mein Beitrag zur ungeheuerlichen Stadtbild-Debatte sein könnte.
Schon mehrmals habe ich Irritation gespürt, wenn zur Sprache kam, dass wir in der Nähe vom Stühlinger Kirchplatz wohnen. Ob ich nicht Angst um unsere Töchter hätte? Nein, das habe ich nicht. Dass zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten Vorsicht geboten ist, wissen sie. Ich habe Vertrauen, dass sie ihr Verhalten diesem Wissen angemessen anpassen können, gelernt haben, weder zu leichtsinnig, noch zu ängstlich zu sein, mit Angst, wenn sie doch mal da ist, umzugehen.
Ja, der Stühlinger Kirchplatz ist in Freiburg ein bekannter Drogenumschlagplatz und ja, es wurden dort leider schon mehrmals Menschen angegriffen und beraubt. Das ist nicht schön, beunruhigt.
Ich finde es großartig, wie der Verein „Schwere(s)Los“ die Problematiken benennt und angeht: Mit dem neuen Kultur-Kiosk auf dem Stühlinger Kirchplatz möchten sie lebendiges Miteinander und kulturellen Austausch niederschwellig und barrierefrei fördern – Verbindung und Begegnung statt Abgrenzung und Diffamierung. So kann man Angst begegnen und überwinden!
So kann der Blick auf das gerichtet werden, was der Stühlinger Kirchplatz vor allem ist: ein lebendiger, wunderschöner Ort, wo Austausch, Geselligkeit, Mit- und Nebeneinander in öffentlichem Raum allermeistens friedlich stattfindet, wo man sich nicht allein und einsam fühlen muss. Das ist doch wirklich schön! Und wichtig!

Valeska von Komorowski
Mit freundlicher Genehmigung des Stühlinger Magazins, wo der Artikel zuerst veröffentlicht wurde.